Schillig 2010

Eine ganz normale Familienfreizeit?

Aus der Sicht der Schillig-Familien war diese Freizeit ein außergewöhnliches Ereignis mit viel Freiraum und Wohlbefinden für jeden einzelnen Urlaubstag. Was hatten wir unternommen?

Aus Gesprächsabenden eines sozial-pädiatrischen Instituts in Hamburg kennen wir Eltern uns schon einige Jahre, manche Eltern kennen sich bereits zwölf Jahre lang. Ihre Kinder, deren unterschiedliche Behinderungen sie zusammenführte, sind jetzt zwischen vier und dreizehn Jahre alt. Nachdem das DRK-Heim an der Nordseeküste Ostfrieslands uns schon sechs Jahre lang einen Ort für gemeinsame Seminare bot, wollten wir es genau wissen und testen: Urlaub im Sommer an der See, eine Woche beste Vollverpflegung durch das DRK-Haus, Sonne, Strand, Meer und Watt vor der Haustür. Es fuhren 16 Erwachsene und 18 Kinder im Alter von zwei bis fünfzehn Jahren mit. Jede der acht Familien kannte die folgende Situation.

Ein Urlaub mit einem besonderen Kind weist viele Probleme und Erfordernisse im Vorfeld auf:

Ist die Unterkunft für Rollstuhlfahrer geeignet?

Finde ich ein geschütztes Umfeld vor, so dass Kinder mit einer Weglauftendenz nicht gleich in Gefahren rein rennen?

Erfahre ich Verständnis der Tischnachbarn für die oft schwierige Situation bei den Mahlzeiten?

Stehe ich alleine da?

All diese Probleme gab es in dieser Woche nicht. Wir deckten gemeinsam den Tisch, achteten auf unsere vielen Kinder, halfen einander und verabredeten uns individuell zu Spaziergängen und Strandevents. Wer gerne einmal alleine an den Strand gehen wollte, hatte kein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Partner, der sich um die Kinder kümmerte … denn es fanden sich immer kleine Gruppen zusammen. Sogar am Abend fanden die Kinder wegen der guten frischen Luft, den Fahrradausflügen, den NF-Walker-Ausflügen, den Schwimmzeiten und dem großen Spielplatzangebot schnell zum Ruhepunkt und die Eltern freuten sich auf die gemeinsamen Spiel- und Klönstunden. Die Zimmer waren per Babyphon erreichbar, wenn auch der Handyempfang teilweise versagte. Aber wer musste jetzt unbedingt von der Außenwelt zu uns vordringen? Wir waren glücklich einmal so viel Zeit in guter Atmosphäre miteinander zu verbringen und das schöne Wetter zu genießen. Petrus hatte es sehr gut mit uns gemeint. Ein besonderer Abschluss - nämlich einen Tag vor der Abfahrt - stellte die Wattwanderung dar. Es warteten neben dem Wattführer noch drei Wattbuggys auf uns. Ausgepolstert mit den nötigen Kissen boten sie drei Rolli-Kindern die Möglichkeit mit ins Watt zu kommen. Also nix wie schnell den Deich erklimmen! Und gleich runter zum Strand düsen! Dann waren wir dort, wo wir sonst nicht hinkämen - jedenfalls nicht alle von uns. Mein Sohn sagte mir am Abend, dass der Ausflug ins Watt ganz toll gewesen sei. Er wirkte etwas müde an diesem Tag, da die Sternschnuppen am Vorabend bewundert werden mussten, und er stand natürlich nicht so dicht am Wattführer wie die laufenden Kinder. Aber das Gefühl, das er hatte, war großartig gewesen: alle waren wir zusammen auf einen Ausflug gegangen und hatten ganz selbstverständlich dafür Sorge getragen, keinen zurück zu lassen, der mitkommen wollte.

Mir hat besonders gut gefallen, dass die Kinder - ob mit oder ohne Handicap - sich anderen Erwachsenen gegenüber mitteilen und auch anschließen konnten. Anton, viereinhalb Jahre alt, unterhielt uns beim Essen, indem er auf seinem Talker einen Witz abspielte. Alle lachten über diese Überraschung, er jedoch am meisten. Tariq half beim Abräumen der Tische mit und zeigte seinen Stolz über sein Können. Jonas schob trotz eigener Gehbehinderung gerne einen Rolli. Benedikt ließ mit seinem Papa einen Lenkdrachen steigen. Andere schauten zum Drachen hinauf in den Himmel. Max freute sich über seinen Tischnachbarn Erik, den er sonst nicht so oft sieht. Sanna ging ohne ihre Familie mit uns allein auf die Wattwanderung und konnte sich an ein Elternteil wenden, das eine Hand frei hatte. Mieke,neun Jahre alt, schnippelte das Gemüse für das Abendbrot zurecht, weil es sie erfreute.

Sicherlich könnten wir noch viele Begegnungen dieser Art aus dieser Woche so auflisten. Wir fühlten uns in einer gewissen Normalität geborgen, doch die Freizeit war nicht normal, sie war außergewöhnlich. Alle Teilnehmer, insbesondere alle Kinder, erfuhren viel Bestätigung und Aufmerksamkeit.

von Nicole Lampe